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Wie ein Traum aus Silicon Valley
Der deutsche Journalist Marc Fest ist in den USA zum
Gründer wider Willen gewordenDirk Engelhardt
Mit der Erfindung der Glühbirne
verglich ihn der "Christian Science Monitor". "Er könnte
leicht zu einem dieser Werkzeuge werden, bei denen man sich
fragt, wie man vorher ohne sie auskam", schreibt die
amerikanische Zeitung. Der Erfinder dieser Glühlampenmutation,
der freie Journalist Marc Fest aus Miami Beach, fand sich
durch diesen Bericht zwar geschmeichelt, musste aber zugeben,
dass der Schreiber doch ein wenig zu dick aufgetragen hatte.
Außerdem gehe es ja gerade erst los mit der Vermarktung seines
"Babies", diesem neuen Browser, der das Zeitunglesen im
Internet schneller und übersichtlicher machen soll.
Doch von vorne: der smarte Journalist, der kurz vor dem
Mauerfall nach Berlin kam, schrieb schon während seines
Philosophie- und Publizistikstudiums an der Freien Universität
als freier Autor für die "taz" und die Stadtillustrierte
"Zitty". Die USA hatten ihn schon immer gereizt, und als er
ein Jahr als Gastschüler in New Jersey verbrachte, stand für
ihn fest: dort zu leben und zu arbeiten, das ist es.
So suchte er sich, nachdem er sich seinen Magister an der
FU abgeholt hatte, ein Apartment in Miami Beach, fernab vom
szenigen New York oder dem Technologie-Standort Kalifornien.
Aus Florida schickte er seine Geschichten per E-Mail an
deutsche Zeitungen und Magazine, die er zuvor an seinem Laptop
am Strand zurechtfeilte. Er interviewte Gloria Estefan,
porträtierte eine Frau am Steuer eines Space Shuttle,
berichtete, wie es ist, bei Bill Clinton zu übernachten, und
schaute sich bei den Machern von Yahoo in Kalifornien um. Auch
die "Berliner Zeitung" druckte die Berichte des freien
Korrespondenten.
Ganze Zeitung auf einen Blick
Dazu überflog er, wie es die meisten Journalisten tun,
unzählige Tageszeitungen auf der Suche nach einer neuen,
heißen Story. "Doch auf Dauer ist es ziemlich mühsam, jede
Zeitung im Netz aufzurufen und dann die Texte laden zu
lassen", erklärt Fest. Er, der schon seit seinem 16.
Lebensjahr leidenschaftlich an Computern herumbastelte,
programmierte darum einen neuen Browser, der das Zeitunglesen
im Internet effizienter machen soll. Der Service, den das
Programm bietet, ist einfach, aber genial: Das erste Mal, bei
dem sich der User einloggt, muss er sich entscheiden, welche
Zeitungen, Magazine oder Auktionen er täglich verfolgen will.
Diese gewählten Rubriken werden dann in ein extra langes
Browserfenster geladen, so dass man nur noch horizontal
öscrollen" braucht, um eine ganze Zeitung auf einen Blick zu
erfassen. Wenn man auf die Überschriften klickt, die einen
interessieren, werden diese Geschichten auf eine zweite
Masterpage im Hintergrund geladen. Nach dem Beenden der
Zeitungsschau kann man sich in Ruhe dem Offline-Studium der
gewählten Artikel zuwenden.
Im Februar dieses Jahres war Quickbrowse fertig, und Fest
bot es Kollegen aus einer Internet-Mailing-Liste als
Arbeitserleichterung an. Auf diesem Weg wurde auch Andrew
Tobias, Finanzspezialist und Schatzmeister des "Democratic
National Committee", auf Quickbrowse aufmerksam. Er beteiligte
sich mit einer verhältnismäßig geringen Einlage an Fests
Erfindung. Fest: "Er öffnete mir die Augen, dass aus
Quickbrowse einmal ‘something big’ werden könnte. Auf seinen
Rat hin meldete ich das System zum Patent an." Um die Kosten
für den Patentanwalt zu sparen, lud sich der Autodidakt
Patentbeschreibungen von Internetprodukten aus dem Web
herunter und verfasste die Patentbeschreibung von Quickbrowse
in diesem Stil. Tobias’ Einlage ermöglichte es Fest, auf die
Honorare als freier Journalist zu verzichten und sich ganz
Quickbrowse zu widmen.
Doch nicht nur für Journalisten, die sich im Internet durch
den Mediendschungel wühlen, ist Quickbrowse interessant. Auch
Surfer, die sich regelmäßig für bestimmte Rubriken, seien es
Sportnachrichten oder Börsenkurse, interessieren, können dies
beim Log in festlegen und erhalten die gewünschten News auf
Wunsch auch als E-Mail.
Da der Erfolg von Quickbrowse so unverhofft kam, fühle er
sich noch immer wie im Märchen, bekennt Fest. Ob Quickbrowse
tatsächlich, wie im amerikanischen Branchenblatt "Red Herring"
spekuliert wurde, 30 Millionen Dollar wert ist, oder nicht:
"Es ist schon ein bisschen wie ein Traum aus Silicon Valley in
Florida", so Fest. "Mit den Investmentgeldern will ich vor
allem Designer, Programmierer und Marketingleute engagieren",
erklärt der Unternehmensgründer in spe, der Quickbrowse
bislang als "One Man Show" betreibt. Bereits jetzt sei ein
Punkt erreicht, bei dem das System die Grenzen seiner
Leistungsfähigkeit erreicht und es manchmal zu Verzögerungen
kommt.
In Shorts neben Beach-Girls
Aber auch als Firmenboss von einer künftigen "Quickbrowse
Inc." will Fest nicht auf seinen bisherigen Lebensstil in
Miami Beach verzichten. Und das heißt, das ganze Jahr in
Shorts herumzulaufen, mit dem Fahrrad zum Strand zu fahren und
in Nachbarschaft dickbäuchiger Touristen und knackiger
Beach-Girls zu arbeiten. Auf seine dreimonatlichen Besuche in
Berlin will der 33-Jährige jedoch nicht verzichten.
Artikel vom 28. Dezember 1999
Leserbrief
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