DIEWOCHE 50/00, 8.
Dezember 2000
Klicken ist doof
VON NIELS BOEING
Seit seinen Anfangstagen haftet
dem Web ein Traum an: Jede Information soll sich mit einem Klick erreichen
lassen. Das ist natürlich totaler Unsinn. Das Netz ist voller explodierender
Websites, die aus Zigtausenden von Dokumenten bestehen und alles, aber auch
alles auf eine winzige Startseite zwängen wollen: Inhaltsverzeichnisse, News,
Sonderangebote, Link-Strukturen, Hilfe-Funktionen. Der Browser, der eigentlich
ein Panoramafenster in den Cyberspace sein sollte, wird da zum Schlüsselloch,
durch das der User seinen "Content" erspähen muss. Will dieser mehr sehen, hat
er gar eine Frage, muss er klicken, laden, warten, klicken, laden, warten ...
Ein schlimmer Zustand. Der nicht so bleiben muss: Eine Reihe von
Zusatz-Diensten macht das Surfen übersichtlicher, informativer und effizienter
und erfordert kein Vorleben als Computer-Nerd. Hier sind drei davon:
Wer sich beispielsweise für die Taschenbuch-Bestsellerliste der renommierten
"New York Times" interessiert, müsste bei Amazon normalerweise die
entsprechenden Navigations-Links anklicken und nacheinander drei weitere Seiten
aufrufen, was je nach Verbindung und Tageszeit einige Minuten dauern kann. Mit
Navixo öffnet man stattdessen einen Amazon-Button im Browser, steuert durch ein
ausgeklapptes Bookmark-Menü direkt auf "Paperback fiction", klickt nur einmal
und ist am Ziel.
Rund 100 noch ausschließlich englisch sprachige "Megasites" haben Jaglom und
seine Leute "Navixo-fähig" gemacht, was auf Anbieterseite etwa vier Stunden
Software-Anpassung erfordert. Auf der User-Seite muss das Navixo-Plug-in in den
Internet Explorer (andere Browser werden bislang leider noch nicht unterstützt)
geladen werden. Das dauert tatsächlich kaum eine Minute, läuft aber nur unter
Windows, wenn auch noch nicht hundertprozentig stabil - die ebenfalls mögliche
Anpassung des Browser-Designs produzierte eine Fehlermeldung.
Neben dem Button für die Site-Struktur legt das Plug-in weitere nützliche an:
bei "Handy Tools" klappt eine Liste mit Links zu Hilfe-Seiten, Kontakt,
Datenschutzbestimmungen etc. auf; "Hot" präsentiert die wichtigsten Neuheiten
der jeweiligen Site auf einen Klick, bei "BarnesandNobles" ein
Harry-Potter-Sonderangebot; "Site Bookmarks" bietet die Möglichkeit, zu den
wichtigsten Seiten innerhalb einer Site Lesezeichen anzulegen, etwa zu den
Basketball-Berichten bei CNN.com.
Für die Millionen Internet-Nutzer, die Englisch nicht als Muttersprache
beherrschen, ist der Übersetzer als erste Anwendung eingestellt: Wird auf einer
Web-Seite ein Wort markiert und die passende Maustaste gedrückt, erscheint das
Babylon-Fenster mit der Übersetzung ins Deutsche. Wer des Englischen mächtig
ist, nutzt besser die Abfrage der "Encyclopedia Britannica", des
angelsächsischen "Brockhaus", indem man auf "more results" im Babylon-Fenster
klickt.
Vielreisende können heutzutage im Netz eine Menge über Hotels in Thailand,
Südafrika oder sonst wo auf dem Globus herausfinden. Ein Doppelzimmer für 325
Baht? Betrag markieren und Babylon aufrufen: Der Währungs-Rechner zeigt sofort
den Betrag in Mark (Hier: 16,60 Mark) zum aktuellen Tageskurs an.
Der Dienst selbst ist simpel: Man schreibt auf der Quickbrowse-Site eine
Liste der Dauerbrenner-Webadressen auf, und der Server baut daraufhin die Seiten
zu einer einzigen zusammen. Das bedeutet: Einmal klicken - zehn Seiten aufrufen.
Die Liste lässt sich speichern und im Browser bookmarken.
Der Clou ist aber der vor einigen Wochen eingeführte Service "Quicklinks".
Aktiviert wird er über ein kleines durchsichtiges Kleeblatt unten rechts im
Browser. Dann werden alle angeklickten Links zunächst gesammelt und
anschließend, zu einer einzigen Quickbrowse-Seite zusammengesetzt, ausgespuckt.
Das verkürzt die Ladezeit und das Warten vor halbleeren Browser-Fenstern enorm:
Statt 13 Links zu Aktien-Reports, Produkteinschätzungen, Kinorezensionen etc.
einzeln abzusurfen, wird alles auf einmal serviert.
Besonders gewitzt
ist das kürzlich veröffentlichte "Navixo", ersonnen von ein paar hoch nervösen
Usern, die das Gehangel durch Riesen-Sites leid waren. Diese kleine Software
wandelt den verschachtelten Aufbau von Sites wie CNN, Amazon oder MP3.com in
eine Liste von Bookmarks um. "Browser haben sich seit Jahren kaum verändert",
schimpft Daniel Jaglom, Chef von Navixo.com, das in Manhattan ansässig ist.
"Dabei ist es doch keinem User mehr zuzumuten, mehrere Seiten zu laden, um zu
der Information zu kommen, die er haben will."
Während Navixo den
Site-Dschungel lichtet, liefert die Firma Babylon.com in einem kleinen
Pop-up-Fenster Informationen, an die man normalerweise nur mit Suchmaschinen
oder Spezial-Sites kommt. Auch die Installation des Babylon-Plug-ins hat einen
ziemlich geringen "Nerd-Faktor" - der User muss ganze drei Angaben machen: die
eigene Muttersprache für den Babylon-Übersetzer, bevorzugte Themengebiete und
die Maustaste, mit der Babylon aktiviert werden soll.
Wer regelmäßig
online geht oder gar gehen muss, um sich Nachrichten, Klatsch und andere nette
Storys zu holen, grast meist dieselben favorisierten Sites ab. Aber jede einzeln
aufrufen? Viel zu umständlich. Mit dem kürzlich relaunchten Dienst
Quickbrowse.com geht auch das mit einem Klick. Hier muss nichts heruntergeladen
werden, nur eine Registrierung ist nötig.
© DIE
WOCHE Zeitungsverlag 2000
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