DIEWOCHE 50/00, 8. Dezember 2000



Klicken ist doof
 
Kompliziert aufgebaute Websites und lange Ladezeiten kosten Nerven. DIEWOCHE zeigt drei Surf-Hilfen für einen effizienten Weg durchs Netz

 

VON NIELS BOEING

Seit seinen Anfangstagen haftet dem Web ein Traum an: Jede Information soll sich mit einem Klick erreichen lassen. Das ist natürlich totaler Unsinn. Das Netz ist voller explodierender Websites, die aus Zigtausenden von Dokumenten bestehen und alles, aber auch alles auf eine winzige Startseite zwängen wollen: Inhaltsverzeichnisse, News, Sonderangebote, Link-Strukturen, Hilfe-Funktionen. Der Browser, der eigentlich ein Panoramafenster in den Cyberspace sein sollte, wird da zum Schlüsselloch, durch das der User seinen "Content" erspähen muss. Will dieser mehr sehen, hat er gar eine Frage, muss er klicken, laden, warten, klicken, laden, warten ...

Ein schlimmer Zustand. Der nicht so bleiben muss: Eine Reihe von Zusatz-Diensten macht das Surfen übersichtlicher, informativer und effizienter und erfordert kein Vorleben als Computer-Nerd. Hier sind drei davon:

Besonders gewitzt ist das kürzlich veröffentlichte "Navixo", ersonnen von ein paar hoch nervösen Usern, die das Gehangel durch Riesen-Sites leid waren. Diese kleine Software wandelt den verschachtelten Aufbau von Sites wie CNN, Amazon oder MP3.com in eine Liste von Bookmarks um. "Browser haben sich seit Jahren kaum verändert", schimpft Daniel Jaglom, Chef von Navixo.com, das in Manhattan ansässig ist. "Dabei ist es doch keinem User mehr zuzumuten, mehrere Seiten zu laden, um zu der Information zu kommen, die er haben will."

Wer sich beispielsweise für die Taschenbuch-Bestsellerliste der renommierten "New York Times" interessiert, müsste bei Amazon normalerweise die entsprechenden Navigations-Links anklicken und nacheinander drei weitere Seiten aufrufen, was je nach Verbindung und Tageszeit einige Minuten dauern kann. Mit Navixo öffnet man stattdessen einen Amazon-Button im Browser, steuert durch ein ausgeklapptes Bookmark-Menü direkt auf "Paperback fiction", klickt nur einmal und ist am Ziel.

Rund 100 noch ausschließlich englisch sprachige "Megasites" haben Jaglom und seine Leute "Navixo-fähig" gemacht, was auf Anbieterseite etwa vier Stunden Software-Anpassung erfordert. Auf der User-Seite muss das Navixo-Plug-in in den Internet Explorer (andere Browser werden bislang leider noch nicht unterstützt) geladen werden. Das dauert tatsächlich kaum eine Minute, läuft aber nur unter Windows, wenn auch noch nicht hundertprozentig stabil - die ebenfalls mögliche Anpassung des Browser-Designs produzierte eine Fehlermeldung.

Neben dem Button für die Site-Struktur legt das Plug-in weitere nützliche an: bei "Handy Tools" klappt eine Liste mit Links zu Hilfe-Seiten, Kontakt, Datenschutzbestimmungen etc. auf; "Hot" präsentiert die wichtigsten Neuheiten der jeweiligen Site auf einen Klick, bei "BarnesandNobles" ein Harry-Potter-Sonderangebot; "Site Bookmarks" bietet die Möglichkeit, zu den wichtigsten Seiten innerhalb einer Site Lesezeichen anzulegen, etwa zu den Basketball-Berichten bei CNN.com.

Während Navixo den Site-Dschungel lichtet, liefert die Firma Babylon.com in einem kleinen Pop-up-Fenster Informationen, an die man normalerweise nur mit Suchmaschinen oder Spezial-Sites kommt. Auch die Installation des Babylon-Plug-ins hat einen ziemlich geringen "Nerd-Faktor" - der User muss ganze drei Angaben machen: die eigene Muttersprache für den Babylon-Übersetzer, bevorzugte Themengebiete und die Maustaste, mit der Babylon aktiviert werden soll.

Für die Millionen Internet-Nutzer, die Englisch nicht als Muttersprache beherrschen, ist der Übersetzer als erste Anwendung eingestellt: Wird auf einer Web-Seite ein Wort markiert und die passende Maustaste gedrückt, erscheint das Babylon-Fenster mit der Übersetzung ins Deutsche. Wer des Englischen mächtig ist, nutzt besser die Abfrage der "Encyclopedia Britannica", des angelsächsischen "Brockhaus", indem man auf "more results" im Babylon-Fenster klickt.

Vielreisende können heutzutage im Netz eine Menge über Hotels in Thailand, Südafrika oder sonst wo auf dem Globus herausfinden. Ein Doppelzimmer für 325 Baht? Betrag markieren und Babylon aufrufen: Der Währungs-Rechner zeigt sofort den Betrag in Mark (Hier: 16,60 Mark) zum aktuellen Tageskurs an.

Wer regelmäßig online geht oder gar gehen muss, um sich Nachrichten, Klatsch und andere nette Storys zu holen, grast meist dieselben favorisierten Sites ab. Aber jede einzeln aufrufen? Viel zu umständlich. Mit dem kürzlich relaunchten Dienst Quickbrowse.com geht auch das mit einem Klick. Hier muss nichts heruntergeladen werden, nur eine Registrierung ist nötig.

Der Dienst selbst ist simpel: Man schreibt auf der Quickbrowse-Site eine Liste der Dauerbrenner-Webadressen auf, und der Server baut daraufhin die Seiten zu einer einzigen zusammen. Das bedeutet: Einmal klicken - zehn Seiten aufrufen. Die Liste lässt sich speichern und im Browser bookmarken.

Der Clou ist aber der vor einigen Wochen eingeführte Service "Quicklinks". Aktiviert wird er über ein kleines durchsichtiges Kleeblatt unten rechts im Browser. Dann werden alle angeklickten Links zunächst gesammelt und anschließend, zu einer einzigen Quickbrowse-Seite zusammengesetzt, ausgespuckt. Das verkürzt die Ladezeit und das Warten vor halbleeren Browser-Fenstern enorm: Statt 13 Links zu Aktien-Reports, Produkteinschätzungen, Kinorezensionen etc. einzeln abzusurfen, wird alles auf einmal serviert.



© DIE WOCHE Zeitungsverlag 2000

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