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Freitag, 17. März 2000

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Metasurfer in der Wüste

Am PC-Forum war der PC Nebensache

E-Mail-Botschaften, die sich selber beantworten, und Webseiten, die ihren Inhalt auf Grund der Vorlieben des Benutzers und mit Hilfe verschiedener Informationsquellen selber generieren: dies waren am PC-Forum in der Wüste von Arizona herausragende Produktankündigungen, die neue Möglichkeiten im Umgang mit dem Internet verheissen.

Jedes Jahr im März trifft sich die Prominenz der Computerbranche und alle, die dazu gerechnet werden wollen, in der Wüste Arizonas. Im Luxushotel Fairmont Scottsdale Princess, unweit von der boomenden Wüstenmetropole Phoenix, diskutieren sie im Rahmen des PC-Forums die Trends der Computertechnik. Technik ist das eine, Dabeisein ist alles. Man möchte sehen und gesehen werden, wenn man für dreieinhalb Tage 4500 Dollar Eintrittsgeld bezahlt. In den Konferenzpausen empfiehlt sich ein Bad in einem der drei Swimming-Pools oder eine Runde Golf auf einem der beiden Parcours. Die Atmosphäre ist locker, das Tragen von Krawatten verpönt. Esther Dyson, die Veranstalterin des PC-Forums, sah man ohne Schuhe durch den heissen Wüstensand laufen.

«Die uns vertraute reale Welt wird abgelöst durch eine ‹virtuelle Vertrautheit› in Form von One-Click-Shopping, automatischen Preisvergleichen und Anbietern, die - mit Einwilligung des Nutzers - mehr über ihn wissen als er selbst», sagte Dyson zur Eröffnung der Konferenz. Ihrem Ruf in die Wüste war eine illustre Schar von Unternehmern und Experten gefolgt. Kevin O'Connor, Chef der wegen ihrer Sammlung von Konsumentendaten ins Kreuzfeuer der Kritik geratenen Firma Doubleclick, stritt sich mit dem Datenschützer Jason Catlett von Junkbusters.com. Michael Bloomberg, Gründer des nach ihm benannten Nachrichtendienstes, oder Richard Bressler, Geschäftsführer von Time Warner Digital Media, führten mit Larry Lessig einen gepflegten Dissens. Der Rechtsprofessor Lessig warf dabei den grossen Medienkonzernen vor, die Offenheit und Innovationskraft des Internets mit patentrechtlichen und urheberrechtlichen Ansprüchen zu ersticken.

Serienbriefe

Ein zentraler Bestandteil des PC-Forums ist ein Showroom für zumeist kleinere Firmen, die ihre neuesten Produkte und Techniken den versammelten Branchengrössen vorstellen wollen. Viel Aufsehen erregte dieses Jahr das im Silicon Valley beheimatete Start-up-Unternehmen Fire-Drop mit der Kommunikationssoftware Zaplet. Dahinter verbirgt sich eine Technik, die die besten Eigenschaften verschiedener Internetdienste - die persönliche Ansprache und die Schnelligkeit, mit der sich E-Mail verbreitet, sowie die Buntheit und Interaktivität des Web - in sich vereinen und so die Telekommunikation revolutionieren will. Dies funktioniert so, dass ein Surfer zunächst auf der Website von Fire-Drop eine Botschaft sowie die E-Mail-Adressen der Rezipienten in mehrere Formularfelder eingibt. Bei den Empfängern landet die Nachricht dann wie ein herkömmliches E-Mail im elektronischen Briefkasten. Der eigentliche Inhalt des Zaplet bleibt allerdings auf dem Server von Fire-Drop und kann so permanent aktualisiert werden.

Dadurch lassen sich Ketten von Antworten und Antworten auf Antworten vermeiden. Gerade wenn mehrere Nutzer miteinander etwas vereinbaren oder besprechen wollen, bilden sich bei der elektronischen Post rasch ganze Serien von Botschaften. Die Zaplets wirken der Überfüllung der elektronischen Briefkästen entgegen, indem sie alle zusammengehörenden Botschaften sammeln und laufend aktualisieren. Als Anwendungsbereiche schweben Fire-Drop Verabredungen, Einladungen, spontane Umfragen, das Austauschen von Photos oder Adressen sowie die virtuelle Teamarbeit vor. Plant eine Gruppe von Skifahrern beispielsweise einen Ausflug, sollen die smarten Zaplets nicht nur dafür sorgen, dass sich die Teilnehmer einfacher auf ein gemeinsames Ziel und einen Abfahrtszeitpunkt festlegen können; die Firma wirbt sogar damit, dass automatisch der Preis für Lift- und Unterbringungskosten neu berechnet wird, falls neue Gruppenmitglieder dazustossen.

Für Privatanwender soll der neue Dienst kostenlos sein. Geld verdienen will Fire-Drop1 mit Firmenkunden, die Zaplets für die interne Kommunikation einsetzen. Kommerzielle Nutzungsmöglichkeiten sieht das Unternehmen auch bei Zeitungen oder Börsendiensten, die ihren Abonnenten in ein und derselben Mail immer die aktuellsten Nachrichten servieren wollen. Problematisch wird die Technik allerdings dann, wenn das «News-Zaplet» in der Inbox immer weiter nach unten wandert und vergessen wird oder dem Nutzer einmal nicht die Zeit bleibt, die Informationen zu lesen. Denn beim nächsten Aufruf des Zaplet werden die verpassten Nachrichten durch aktuelle Meldungen ersetzt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Textbotschaften dauert das Herunterladen eines Zaplet auch etwas länger, da es sich letztlich um Webseiten handelt.

Automatische Webseiten

Am PC-Forum hatte auch Onepage2 ihr Coming-out. Unterstützt von namhaften Investoren wie Strauss Zelnick, Chef von Bertelsmanns BMG Entertainment, will es die Firma ihren Kunden erlauben, Informationen von verschiedenen Webseiten in einem einzigen Browserfenster anzuzeigen. Anstatt immer wieder mehrere Seiten nacheinander aufzurufen, soll der unter Zeitnot leidende Nutzer alle gewünschten Daten auf einen Klick abrufen können. In einem personalisierten Browserfenster präsentieren sich dem Nutzer dann beispielsweise Börsenkurse, die Nachrichten seiner Lokalzeitung, die Bildsequenzen einer Webcam und die auf einer weiteren Website gespeicherte persönliche Pendenzenliste nebeneinander.

Das Produkt von Onepage befindet sich noch im Entwicklungsstadium. Die Firma aus dem Silicon Valley betritt damit einen Markt, den es vor wenigen Wochen noch nicht gab, auf dem sich aber mittlerweile bereits mehrere Konkurrenten tummeln. Für diese Produkte beginnt sich der Begriff Metabrowser einzubürgern. Darunter versteht Marc Fest, ein von Deutschland nach Florida ausgewanderter Journalist, das «Anzeigen und Kombinieren beliebigen Web-Contents gemäss Benutzer-Präferenzen». Der Begriff wurde vor knapp einem Monat in einem Artikel des Online-Magazins «Traffick» geprägt. Marc Fest will den ersten «Metabrowser» aber bereits im Januar 1999 erfunden haben: als Korrespondent für deutsche Printmedien begann Fest seinen Redaktionsalltag meist mit dem Durchstöbern der Websites der rund 20 wichtigsten amerikanischen Tageszeitungen.

Dabei kam ihm die Idee, dass diese Nachrichten vereint auf einer einzigen «Masterpage» doch viel schneller zu überblicken seien. Also kratzte er seine Perl-Kenntnisse zusammen und programmierte den Code für seinen Dienst Quickbrowse3. Eigentlich hoffte der Genussmensch, dank der schnelleren Nachrichtenübersicht früher am Strand zu liegen, statt länger vor dem Bildschirm zu sitzen. Doch als er einem Freund von Quickbrowse erzählte, investierte dieser spontan in die Idee. Seitdem ist Fest Unternehmer wider Willen und baut mit der finanziellen Unterstützung des Geo-Cities-Gründers David Bohnett eine eigene Firma auf. Doch neben Quickbrowse und Onepage wollen auch andere Start-ups wie Call the Shots4, Katiesoft5, Octopus6 oder Yodlee 7 am Metabrowsing verdienen.

Individualisierte Massenkommunikation

Metabrowser offerieren eine personalisierte Form der Informationsaggregation und -darstellung und konkurrenzieren Dienste wie Yahoo oder Excite. Die Möglichkeiten der Personalisierung des Informationsangebotes gehen aber bei den Metabrowsern sehr viel weiter als bei Portal- Sites. Quickbrowse, Call the Shots oder Yodlee sammeln die für einen Nutzer interessanten Websites bzw. Ausschnitte daraus in einem mehrteiligen Browserfenster. Octopus hat ein Java-Applet entwickelt, das sich der Surfer auf den eigenen Rechner laden muss.

Die Applikation von Katiesoft besteht in einem eigens entwickelten Browser, der vier einzeln navigierbare Websites in einem Fenster nebeneinander darstellen kann. Da die einzelnen Angebote dann nur noch einen Viertel des Browserfensters in Anspruch nehmen, ist ihre Darstellung kleiner als gewöhnlich. Für mehr als einen Überblick über die Inhalte ist die Software nicht gedacht, angeklickte Hyperlinks werden in einem separaten Fenster im Hintergrund heruntergeladen und können offline gelesen werden.

Jeder der erwähnten Metabrowser hat seine individuellen Stärken. Octopus etwa zeichnet sich durch leichte Drag-and-Drop-Handhabung aus, mit der sich der Nutzer bevorzugte Inhalte von Webangeboten zusammenstellen kann. Ausserdem ist mit dem Applet das gleichzeitige Abfragen mehrerer Suchmaschinen möglich. Yodlee erlaubt dagegen sogar die Verwaltung von Web- basierten E-Mail-Diensten: Ohne die Eingabe des Passwortes erhält der User zumindest bei Hotmail eine Übersicht über die eingegangenen Nachrichten mit Absenderangabe und dem Betreff der Message. Quickbrowse, das bereits von 20 000 Metasurfern genutzt werden soll, erlaubt es dagegen auch, sich die Kombi-Page mit täglichen Updates per E-Mail zuschicken zu lassen.

PC im Abseits

In den «informationsreichen Umwelten», die Dyson mit dem immer stärkeren Eindringen des Internet in das Heim und das Büro entstehen sieht, verliert der Personal Computer mehr und mehr an Bedeutung. «Die PC-Plattform, an die wir uns gewöhnt haben, verwandelt sich auf der einen Seite in integrierte Betriebssysteme und auf der anderen in eine Vielzahl abgestufter Plattformen und Kommunikationsprotokolle», meint Dyson. Es wird daher Zeit, die Konferenz in «Net Forum» umzubenennen.

Stefan Krempl

1 http://www.firedrop.com
2 http://www.onepage.com
3 http://www.quickbrowse.com
4 http://www.calltheshots.com
5 http://www.katiesoft.com
6 http://www.octopus.com
7 http://www.yodlee.com

Neue Zürcher Zeitung, 17. März 2000
 

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