E-Mail-Botschaften, die sich selber beantworten, und Webseiten,
die ihren Inhalt auf Grund der Vorlieben des Benutzers und mit Hilfe
verschiedener Informationsquellen selber generieren: dies waren am
PC-Forum in der Wüste von Arizona herausragende
Produktankündigungen, die neue Möglichkeiten im Umgang mit dem
Internet verheissen.
Jedes Jahr im März trifft sich die Prominenz der Computerbranche
und alle, die dazu gerechnet werden wollen, in der Wüste Arizonas.
Im Luxushotel Fairmont Scottsdale Princess, unweit von der boomenden
Wüstenmetropole Phoenix, diskutieren sie im Rahmen des PC-Forums die
Trends der Computertechnik. Technik ist das eine, Dabeisein ist
alles. Man möchte sehen und gesehen werden, wenn man für dreieinhalb
Tage 4500 Dollar Eintrittsgeld bezahlt. In den Konferenzpausen
empfiehlt sich ein Bad in einem der drei Swimming-Pools oder eine
Runde Golf auf einem der beiden Parcours. Die Atmosphäre ist locker,
das Tragen von Krawatten verpönt. Esther Dyson, die Veranstalterin
des PC-Forums, sah man ohne Schuhe durch den heissen Wüstensand
laufen.
«Die uns vertraute reale Welt wird abgelöst durch eine ‹virtuelle
Vertrautheit› in Form von One-Click-Shopping, automatischen
Preisvergleichen und Anbietern, die - mit Einwilligung des Nutzers -
mehr über ihn wissen als er selbst», sagte Dyson zur Eröffnung der
Konferenz. Ihrem Ruf in die Wüste war eine illustre Schar von
Unternehmern und Experten gefolgt. Kevin O'Connor, Chef der wegen
ihrer Sammlung von Konsumentendaten ins Kreuzfeuer der Kritik
geratenen Firma Doubleclick, stritt sich mit dem Datenschützer Jason
Catlett von Junkbusters.com. Michael Bloomberg, Gründer des nach ihm
benannten Nachrichtendienstes, oder Richard Bressler,
Geschäftsführer von Time Warner Digital Media, führten mit Larry
Lessig einen gepflegten Dissens. Der Rechtsprofessor Lessig warf
dabei den grossen Medienkonzernen vor, die Offenheit und
Innovationskraft des Internets mit patentrechtlichen und
urheberrechtlichen Ansprüchen zu ersticken.
Serienbriefe
Ein zentraler Bestandteil des PC-Forums ist ein Showroom für
zumeist kleinere Firmen, die ihre neuesten Produkte und Techniken
den versammelten Branchengrössen vorstellen wollen. Viel Aufsehen
erregte dieses Jahr das im Silicon Valley beheimatete
Start-up-Unternehmen Fire-Drop mit der Kommunikationssoftware
Zaplet. Dahinter verbirgt sich eine Technik, die die besten
Eigenschaften verschiedener Internetdienste - die persönliche
Ansprache und die Schnelligkeit, mit der sich E-Mail verbreitet,
sowie die Buntheit und Interaktivität des Web - in sich vereinen und
so die Telekommunikation revolutionieren will. Dies funktioniert so,
dass ein Surfer zunächst auf der Website von Fire-Drop eine
Botschaft sowie die E-Mail-Adressen der Rezipienten in mehrere
Formularfelder eingibt. Bei den Empfängern landet die Nachricht dann
wie ein herkömmliches E-Mail im elektronischen Briefkasten. Der
eigentliche Inhalt des Zaplet bleibt allerdings auf dem Server von
Fire-Drop und kann so permanent aktualisiert werden.
Dadurch lassen sich Ketten von Antworten und Antworten auf
Antworten vermeiden. Gerade wenn mehrere Nutzer miteinander etwas
vereinbaren oder besprechen wollen, bilden sich bei der
elektronischen Post rasch ganze Serien von Botschaften. Die Zaplets
wirken der Überfüllung der elektronischen Briefkästen entgegen,
indem sie alle zusammengehörenden Botschaften sammeln und laufend
aktualisieren. Als Anwendungsbereiche schweben Fire-Drop
Verabredungen, Einladungen, spontane Umfragen, das Austauschen von
Photos oder Adressen sowie die virtuelle Teamarbeit vor. Plant eine
Gruppe von Skifahrern beispielsweise einen Ausflug, sollen die
smarten Zaplets nicht nur dafür sorgen, dass sich die Teilnehmer
einfacher auf ein gemeinsames Ziel und einen Abfahrtszeitpunkt
festlegen können; die Firma wirbt sogar damit, dass automatisch der
Preis für Lift- und Unterbringungskosten neu berechnet wird, falls
neue Gruppenmitglieder dazustossen.
Für Privatanwender soll der neue Dienst kostenlos sein. Geld
verdienen will Fire-Drop1 mit Firmenkunden, die Zaplets für die
interne Kommunikation einsetzen. Kommerzielle Nutzungsmöglichkeiten
sieht das Unternehmen auch bei Zeitungen oder Börsendiensten, die
ihren Abonnenten in ein und derselben Mail immer die aktuellsten
Nachrichten servieren wollen. Problematisch wird die Technik
allerdings dann, wenn das «News-Zaplet» in der Inbox immer weiter
nach unten wandert und vergessen wird oder dem Nutzer einmal nicht
die Zeit bleibt, die Informationen zu lesen. Denn beim nächsten
Aufruf des Zaplet werden die verpassten Nachrichten durch aktuelle
Meldungen ersetzt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Textbotschaften
dauert das Herunterladen eines Zaplet auch etwas länger, da es sich
letztlich um Webseiten handelt.
Automatische Webseiten
Am PC-Forum hatte auch Onepage2 ihr Coming-out. Unterstützt von
namhaften Investoren wie Strauss Zelnick, Chef von Bertelsmanns BMG
Entertainment, will es die Firma ihren Kunden erlauben,
Informationen von verschiedenen Webseiten in einem einzigen
Browserfenster anzuzeigen. Anstatt immer wieder mehrere Seiten
nacheinander aufzurufen, soll der unter Zeitnot leidende Nutzer alle
gewünschten Daten auf einen Klick abrufen können. In einem
personalisierten Browserfenster präsentieren sich dem Nutzer dann
beispielsweise Börsenkurse, die Nachrichten seiner Lokalzeitung, die
Bildsequenzen einer Webcam und die auf einer weiteren Website
gespeicherte persönliche Pendenzenliste nebeneinander.
Das Produkt von Onepage befindet sich noch im
Entwicklungsstadium. Die Firma aus dem Silicon Valley betritt damit
einen Markt, den es vor wenigen Wochen noch nicht gab, auf dem sich
aber mittlerweile bereits mehrere Konkurrenten tummeln. Für diese
Produkte beginnt sich der Begriff Metabrowser einzubürgern. Darunter
versteht Marc Fest, ein von Deutschland nach Florida ausgewanderter
Journalist, das «Anzeigen und Kombinieren beliebigen Web-Contents
gemäss Benutzer-Präferenzen». Der Begriff wurde vor knapp einem
Monat in einem Artikel des Online-Magazins «Traffick» geprägt. Marc
Fest will den ersten «Metabrowser» aber bereits im Januar 1999
erfunden haben: als Korrespondent für deutsche Printmedien begann
Fest seinen Redaktionsalltag meist mit dem Durchstöbern der Websites
der rund 20 wichtigsten amerikanischen Tageszeitungen.
Dabei kam ihm die Idee, dass diese Nachrichten vereint auf einer
einzigen «Masterpage» doch viel schneller zu überblicken seien. Also
kratzte er seine Perl-Kenntnisse zusammen und programmierte den Code
für seinen Dienst Quickbrowse3. Eigentlich hoffte der Genussmensch,
dank der schnelleren Nachrichtenübersicht früher am Strand zu
liegen, statt länger vor dem Bildschirm zu sitzen. Doch als er einem
Freund von Quickbrowse erzählte, investierte dieser spontan in die
Idee. Seitdem ist Fest Unternehmer wider Willen und baut mit der
finanziellen Unterstützung des Geo-Cities-Gründers David Bohnett
eine eigene Firma auf. Doch neben Quickbrowse und Onepage wollen
auch andere Start-ups wie Call the Shots4, Katiesoft5, Octopus6 oder Yodlee
7 am Metabrowsing verdienen.
Individualisierte Massenkommunikation
Metabrowser offerieren eine personalisierte Form der
Informationsaggregation und -darstellung und konkurrenzieren Dienste
wie Yahoo oder Excite. Die Möglichkeiten der Personalisierung des
Informationsangebotes gehen aber bei den Metabrowsern sehr viel
weiter als bei Portal- Sites. Quickbrowse, Call the Shots oder
Yodlee sammeln die für einen Nutzer interessanten Websites bzw.
Ausschnitte daraus in einem mehrteiligen Browserfenster. Octopus hat
ein Java-Applet entwickelt, das sich der Surfer auf den eigenen
Rechner laden muss.
Die Applikation von Katiesoft besteht in einem eigens
entwickelten Browser, der vier einzeln navigierbare Websites in
einem Fenster nebeneinander darstellen kann. Da die einzelnen
Angebote dann nur noch einen Viertel des Browserfensters in Anspruch
nehmen, ist ihre Darstellung kleiner als gewöhnlich. Für mehr als
einen Überblick über die Inhalte ist die Software nicht gedacht,
angeklickte Hyperlinks werden in einem separaten Fenster im
Hintergrund heruntergeladen und können offline gelesen werden.
Jeder der erwähnten Metabrowser hat seine individuellen Stärken.
Octopus etwa zeichnet sich durch leichte Drag-and-Drop-Handhabung
aus, mit der sich der Nutzer bevorzugte Inhalte von Webangeboten
zusammenstellen kann. Ausserdem ist mit dem Applet das gleichzeitige
Abfragen mehrerer Suchmaschinen möglich. Yodlee erlaubt dagegen
sogar die Verwaltung von Web- basierten E-Mail-Diensten: Ohne die
Eingabe des Passwortes erhält der User zumindest bei Hotmail eine
Übersicht über die eingegangenen Nachrichten mit Absenderangabe und
dem Betreff der Message. Quickbrowse, das bereits von 20 000
Metasurfern genutzt werden soll, erlaubt es dagegen auch, sich die
Kombi-Page mit täglichen Updates per E-Mail zuschicken zu lassen.
PC im Abseits
In den «informationsreichen Umwelten», die Dyson mit dem immer
stärkeren Eindringen des Internet in das Heim und das Büro entstehen
sieht, verliert der Personal Computer mehr und mehr an Bedeutung.
«Die PC-Plattform, an die wir uns gewöhnt haben, verwandelt sich auf
der einen Seite in integrierte Betriebssysteme und auf der anderen
in eine Vielzahl abgestufter Plattformen und
Kommunikationsprotokolle», meint Dyson. Es wird daher Zeit, die
Konferenz in «Net Forum» umzubenennen.