Regen - kein Thema. Der Strand - vor
der Haustür. Die Menschen - alle gut drauf. Diese Zutaten sind es,
die Miami Beach für immer mehr Deutsche zum Ort für kreative
Existenzgründung und Karriere machen
Blau. Der Himmel ist blau. Immer. Im Februar, im November, Ostern
und Weihnachten. Neulich - die Menschen hier können sich genau
erinnern - gab es mal Wolken, morgens, drei oder vier Stunden lang.
Aber dann wieder Blau am Himmel. Verdammtes, gedankenloses Blau.
Anderen Bewohnern von Miami Beach mag das gar nicht mehr auffallen,
aber den Deutschen hier fällt es auf. Auch nach Jahren noch, und es
kommt fast automatisch aus ihrem Mund, wenn man sie fragt, warum sie
hier sind - "das Wetter", "der Himmel", "das Klima", so fangen immer
ihre ersten Sätze an. Vom Himmel kommen sie dann aufs Gemüt, und als
Deutsche kennen und mögen sie manchmal trübe Gedanken, "und dann
wünsch ich mir, dass es regnet", sagt Ute Weigel, "dieses gute
Wetter und die permanente Fröhlichkeit der Leute machen
leichtsinnig. Zwischenmenschlich geht da vieles einfacher, auch die
Dummheiten". Es passt zu Miami Beach, dass Ute Weigel, 32, blond und
in Bochum geboren, auf ihren Blades durch die Straßen rollt; und es
passt auch hierher, dass sie nicht einfach spricht, sondern ihre
Worte mit einem singenden Lachen herausspült wie jeder hier.
Wichtig: man sagt Miami Beach, nicht Miami, die Menschen hier
rümpfen sonst leicht die Nase. Miami ist diese Großstadt mit Türmen
auf der Festlandseite der Lagune, laut und voll. Miami Beach, auf
der Landzunge am Meer, ist dagegen eine Art Club Med des Lebens mit
einem langen weißen Strand und einer neuerdings beinahe
explodierenden Anziehungskraft für deutsche Existenzgründer und
Deutschland-Flüchtige wie Barbara Becker oder Christoph Daum. Pro
Tag wandern hier 144 neue Bewohner ein, in den vergangenen Jahren
waren davon 55000 Deutsche. Mallorca ist für sie "Umsteigen". Miami
Beach ist echtes "Aussteigen" - mit Aufsteigen. Viele hatten Flausen
im Kopf, andere wollten nur kurz bleiben - und fast alle haben es
geschafft, aus ihren Ideen Geld zu machen. Wenn man ihnen zuhört,
scheint Miami Beach der Ort der Welt zu sein, an dem Scheitern die
schwerste Disziplin ist, und sie selbst wundern sich auch jeden Tag
darüber. "Man schlägt sich so durch, weil niemand sagt: ‚Geht
nicht', sondern ‚Ja klar, versuchen wir', so wie hier jeder alles
versucht", sagt Ute Weigel, die vor Jahren als Model hierher kam,
danach als Übersetzerin arbeitete, dann noch eine Massage-Ausbildung
machte und sich jetzt jeden Morgen neu überlegt, welchen ihrer
Berufe sie ausübt. Und dann sagt sie etwas, was ihr
Einwandererdasein entscheidend mitbestimmt hat: "Es hilft sehr, aus
Deutschland zu sein, oder besser, ein paar deutsche Eigenschaften zu
haben. In Miami Beach reden die Leute viel. 90 Prozent sind hier
eingewandert, da spielt jeder seine Oper. Die Deutschen machen aber
auch. Und das wissen die Menschen hier. Wenn ich mich um zehn Uhr
morgens verabrede, bin ich auch um zehn Uhr da. Und nicht um zwölf
und auch nicht übermorgen. Einem Deutschen vertraut man
hier."