Gut, das könnte nun auch in Kalifornien, in Los Angeles oder San
Francisco so sein, aber Miami Beach ist groß und klein zugleich, ein
bisschen wie eine Puppenstube der Fun Economy. Hier hängen an Ideen
nicht gleich Millionen-Dollar-Investitionen, und keiner hat den
Drang, die Welt zu erobern. Dafür ist Miami Beach zu erkennbar nicht
ganz wirklich. Kaum ein Busen, der sich am Strand in einen zu engen
Bikini zwängt, ist echt; kaum ein Körper so gewachsen, wie er
hergezeigt wird; die Freundlichkeiten sind Reflexe, nicht
Wahrheiten. "Es ist besser, hier als Single zu leben. Paare trennen
sich schnell, weil die vermeintlichen Versuchungen zu groß sind, das
Wechselspiel zu heftig ist", sagt Ute Weigel.
Wenn man ein paar Tage inmitten dieser Fassaden lebt, wenn man
den seltsamen Tagesablauf einer arbeitenden Urlaubsgesellschaft
beobachtet, kommt man sich wie in einer modellierten Single-Welt
vor: Auf den Straßen kaum Kinder und Paare, selbst morgens um acht
sind die Frauen geschminkt, und die Postboten sehen aus wie
Turmspringer oder Olympiaschwimmer. Und wo sie kann, boomt diese
Stadt vor sich hin - "das kleinste Dorf mit größtem Einfluss", wie
es die deutsche Galeristin Regine Nüssle beschreibt.
Sie ist hier wie zufällig hängen geblieben, kam vor ein paar
Jahren, um das Apartment von Barbara und Boris Becker auf Fisher
Island einzurichten, und blieb, auch wenn sich das Verhältnis zu den
beiden zeitweilig abkühlte - ein gern gereichtes Thema des
Miami-Tratsches. Heute ist Nüssles erfolgreiche Galerie eines dieser
vielen kleinen Portale zur deutschen Miami-Beach-Gemeinde, die
gerade sehr mit der Becker-Kabale beschäftigt ist, und Regine Nüssle
bewährt sich als eine rau-herzliche Managerin deutsch-amerikanischer
Beziehungen, die mit Garst und Geist beobachtet, wie sich der
deutsche Club mal aufbaut und mal aufbläht. Die Regellosigkeit der
Stadt verführt, sagt auch sie, "hier wird die große Welt mit
manchmal fast lateinamerikanischem Habitus nachgespielt". Aber die
sittliche Anarchie setzt Energien frei, "hier sind Entgleisungen an
der Tagesordnung, hier will sich keiner festlegen, weil jeden Moment
eine bessere Gelegenheit um die Ecke kommen kann".
So wie das Wetter hat auch das Fehlen deutsch-quälerischen
Tiefsinns viele lockerer gemacht. Michaela Henning, 31, ist aus
Hamburg nach Miami Beach gekommen, oder, besser, geflohen, "weil es
mich gelähmt hat, in einen Freundeskreis einbetoniert zu sein, sich
immer treffen und jede Laune rechtfertigen zu müssen". Leben kann
sie vor Ort gut: Michaela betreut viele der unzähligen Foto- und
Modeproduktionen, die deutsche Versandhäuser immer noch hier am
Strand produzieren lassen. Sie ist ihre eigene Firma und kann
zwischen Stress und Nichtstun ganz gut steuern. "Am Anfang macht
einen dieses Miami Beach ein bisschen zu euphorisch, die
Versuchungen jeder Art stehen an jeder Ecke", beschreibt sie das
Kontaktparadies, das "einen sehr tolerant macht". Der verschönerte
Schein strahlt auch nach innen, "man traut sich viel mehr zu", sagt
Michaela, die hier mit Frauenboxen angefangen hat.
So oft wie man die Wörter Freiheit, Wetter oder Spaß hört, so
selten wird von Geld, Erfolg oder Karriere gesprochen. Und wenn es
plötzlich doch auf dem Konto flutet, erschrecken manche deutsche
Einwanderer beinahe. Marc Fest, 34, ist fast aus Versehen so ein
Geniestreich gelungen, und heute hat er Mühe, die Millionen und den
Erfolg in sein ruhiges Leben einzubauen. Marc, ehemals Journalist,
ist heute Internettüftler, und wenn man seiner locker erzählten
Legende glaubt, ist ihm das Programm zu "Quickbrowse" am Strand
eingefallen. Kein großes Ding, aber im Erfindersturm des Internet
praktisch und eben Marcs Patent. "Konzerne riefen an und boten
Millionen, wollten mit mir weiterentwickeln, und ich musste erst mal
überlegen, was eigentlich passiert war." Marc Fest schwankte
zwischen Euphorie und Vorsicht, denn er wollte sein Beach-Dasein mit
Haus und Hecke und seinem schwulen Lebensgefährten nicht von
dollarpanischen Dotcomlern aus der Ruhe gebracht haben. Heute hat
seine Firma einen veritablen Millionen-Dollar-Wert, "aber nur auf
dem Papier, mein Konto hat Ebbe", sagt Marc, der höchst vorsichtig
Anteile seiner Firma verkauft: "Es waren schon viele da, die den
ganzen Laden haben wollten, aber so einfach lass ich mich nicht
ausverkaufen."