Man muss suchen, um zwischen all den Silikonmädchen, kichernden
Models, posierenden Beau-Boys und Touristenkarawanen die
problematischeren Aspekte zu finden. Hinter dem Erfolgsglamour
steckt harte Arbeit und hartes Durchkämpfen, denn Amerika kann sehr
kompliziert sein. Die Menschen von der Bank, sagt Eric Gabriel, 32,
haben ihn bis auf die letzte Hose ausgezogen, als er für eine
relativ simple Finanzierung bei ihnen anfragte. Gabriel, ehemals
Modeeinkäufer aus München, hatte sich in einen verfallenen Bau
verliebt und beschlossen, ein Hotelprojekt zu wagen. Heute steht
sein "Hotel Leon", und manchmal trifft man an der Rezeption einen
gelassenen, aber auch müden Eric Gabriel. Die härteste Arbeit, sagt
er, war dieser Kleinkrieg mit Behörden: "Amerikaner haben zwar
keinen Stil, aber für jeden Türgriff eine Vorschrift." Über acht
Genehmigungen musste er beantragen, um in der Hotelküche Kaffee
kochen zu dürfen. "Heute kann ich sagen, dass Existenzgründung hier
nicht unbedingt gefördert wird." Er hat sich durchgebissen und wagt
nun noch mehr. Wenn man ihn dabei erlebt, wie er sein neues Projekt
in Angriff nimmt - sein zweites Hotel "Aqua" - dann erliegt man
leicht einer der vielen Miami Beach-Täuschungen: Auch hartes
Arbeiten sieht hier nach kreativen Ferien aus.
Der Wiesbadener Industriedesigner Hans Ulrich Petzold, der 1998
mit seiner Frau und drei Kindern hierher kam, winkt ab, wenn vom
Paradies die Rede ist, und erzählt Horrorgeschichten von Reglementen
und umständlichen Prozeduren: "Das erste Jahr war die absolute
Hölle." Auch vermisst Petzold bei allem amerikanischen Easy Living
schmerzlich eine gewisse europäische Kultur. "Hier wird man bei
reichen Menschen zum Barbecue eingeladen und bekommt einen
Pappteller in die Hand gedrückt. Oder man lädt selber ein, deckt den
Tisch, gibt sich Mühe, und dann kommen die amerikanischen Gäste,
essen schnell und gehen um elf wieder, weil es noch eine Einladung
gibt." Aber Miami Beach ist für ihn ein innovatives Powerhouse für
seine Arbeit, "großartig, weil es hier andere Einflüsse gibt". Doch
produzieren lässt Petzold weiter in Deutschland, "weil ich sonst
Qualitätsverluste befürchten muss".
Nüchtern sieht auch Sigrid Rothe, renommierte deutsche
Fotografin, ihr Florida-Dasein. Sie ging zuerst nach New York und
ließ sich dann für einen Teil des Jahres in Miami Beach nieder: "Es
ist hier ruhiger als in New York, und ich kann den ganzen Tag
draußen fotografieren", sagt sie. Der Spaßstadt Miami Beach kann sie
allerdings wenig abgewinnen: "Öde ist diese Jagd nach dem anonymen
Fun." Und sie kennt Amerika gut genug, um sich auch über die
Beautiful People unter dem immerblauen Himmel keine Illusionen zu
machen.
Wer sich, wie diese Gesellschaft des schönen Scheins, unermüdlich
anstrengt, schon nicht mehr das zu sein, was er gerade erst gestern
wurde, hat kaum Zeit, den Miami-Beach-Zirkus zu durchschauen. Die
Schweizer Malerin Rena de Beer hat sich die Zeit genommen und zählt
zu den wenigen Realisten im Palm- und-Beach-Dorf. "Das hier ist
dekadent, klarer Fall. Viele Häuser sind aus Drogengeldern gebaut
worden, vieles wird von schwulen Seilschaften gesteuert", sagt sie
beim abendlichen Spaziergang mit ihren fünf Hunden. "Hier ist fast
jeder Mensch eine Lüge, die großen Körper mit hohlen Köpfen; die
Schwulen, die sich nicht darum kümmern, wer hier alles Aids hat.
Manchmal sieht es so aus, als ob sich in Miami Beach eine
Gesellschaft beim Selbstzerstören zuschaut und dabei feiert." Dann
zeigt sie auf ein Haus, das von verdorrten Pflanzen und Gräsern
eingerahmt ist: "So geht das hier. Ein paar Kakerlaken im Haus
gehabt, das Haus mit Gift vollgepumpt, bis der Garten einging. Gift
ist jetzt im Grundwasser, und die Kakerlaken sind in drei Wochen
wieder da, und das Grundwasser kommt irgendwann aus meinem Hahn."
Doch dann mag sie es auch wieder, dieses wahnsinnige Miami Beach -
"hier wollen alle schön sein, hier ziehen auch die alten Frauen ihre
besten Sachen an, wenn sie auf die Straße gehen".
Wenn es Nacht wird in Miami Beach und die Männer mit ihren
Pump-Muskeln und die Mädchen mit ihren Pump-Busen zum überfüllten
Ocean Drive ziehen, dann beginnt das neue Suchen nach, ja, nach
irgendwas. Und mittendrin in dieser Suche trifft man wieder auf ein
paar Deutsche. Nein, sagt Ute Weigel, sie könne sich nicht
vorstellen, hier für immer zu leben, "es ist gut wegzufahren, und es
ist gut, wieder anzukommen". An Dauerhaftes denkt hier sowieso kaum
jemand. Uli Petzold sagt: "Jedes Jahr wieder ist man heilfroh, die
Hurrikansaison überstanden zu haben, da denkt man nicht an die
Zukunft in zehn Jahren." In South Beach sind die bunten Lichter
angegangen, alle sind unterwegs und suchen ihren Spaß. Da kommt
einem dieses Miami Beach wie ein riesiger Jahrmarkt vor. Darin sind
dann auch die tüchtigen Deutschen wie Schausteller, heimatlos ihrer
kleinen Zufriedenheit verfallen. Der große weiße Sandstrand ist
natürlich auch nicht echt, sondern aufgeschüttet. Darunter ist
Beton. Wie da Wurzeln schlagen, wenn doch jeder nur von oben, von
diesem verdammten blauen Himmel spricht?
Jochen Siemens
Mitarbeit: Jens
Fritzenwalder